Die erste wissenschaftliche Biographie des Begründers der modernen Musikwissenschaft

Michael Arntz: Hugo Riemann (1849-1919) - Leben, Werk und Wirkung
356 S., 38,60 EUR, ISBN 3-9803578-7-2; zu beziehen über unseren Online-Shop oder über den Buchhandel


Leseprobe

Amor constans vincit

Familienvater und Gelehrter

Wer im Oktober 1895 den Anzeigenteil des Leipziger Musikalischen Wochenblatts genau studierte, stieß auf die Anzeige eines Universitätsdozenten, der seine Lehrveranstaltungen für das kommende Wintersemester bekanntgab. Es war Hugo Riemann, der an den Ort zurückgekehrt war, an dem er sich 1878 habilitiert hatte. Damals reichten die geringen Einnahmen seiner Lehrveranstaltungen nicht aus, eine Professur war in weiter Ferne, und so hatte er Leipzig schon nach zwei Semestern enttäuscht wieder verlassen müssen.

Seitdem waren fünfzehn Jahre vergangen. Er war als Theorielehrer an den Konservatorien in Hamburg, Sondershausen und Wiesbaden tätig gewesen. Kurzzeitig hatte er sich sogar, wenn auch ohne großen Erfolg, als Gymnasiallehrer in Bromberg versucht. An seiner universitären Stellung hatte sich seit 1878 jedoch nichts geändert. Riemann war immer noch Privatdozent. Diese durch eine Venia legendi lehrbefugten Dozenten bezogen kein festes Grundgehalt, sondern erhielten lediglich das Vorlesungshonorar. Es verwundert daher nicht, daß Riemann privat für seine Veranstaltungen warb: Je mehr Hörer sich einfanden, desto höher würden die Einnahmen sein. Und diese Einnahmen mußten hoch sein, denn Riemann hatte weder Aussicht auf eine Professur an der Universität noch am Konservatorium. So stand der Vater und Ehemann vor den gleichen finanziellen Problemen, die ihn schon Ende der siebziger Jahre zum Aufgeben gezwungen hatten.

Die Eheleute Elisabeth und Hugo Riemann brachten 1895 vier Kinder mit nach Leipzig. Elisabeth war erneut schwanger, und am Heiligabend desselben Jahres sollte sie eine weitere Tochter zur Welt bringen. Die siebenköpfige Familie durch die universitären Einnahmen eines Privatdozenten zu unterhalten, war schier unmöglich.

Vielleicht war es die Hoffnung auf eine ordentliche Professur oder auf eine Stelle am Konservatorium, die Riemann bewogen hat, diesen gewagten Schritt zu gehen. Ein Aspekt freilich hatte sich inzwischen grundlegend geändert: Riemann war vielfach publizistisch tätig gewesen und inzwischen mit vielen seiner Werke bekannt geworden. Und so konnte er immerhin mit weiteren Veröffentlichungen und anderen Verlagsarbeiten wie beispielsweise Gutachten einen finanziellen Grundstock für seine Familie schaffen. Das ließ sich zwar nur durch immensen Arbeitseinsatz erreichen, aber spätestens seit der Hamburger Zeit in den Jahren 1881 bis 1890 wußte Riemann, was auf ihn zukam. Dort hatte er begonnen, jede freie Minute am Schreibtisch zu verbringen. Das tat er jetzt mit solcher Konsequenz, daß der Hausarzt schließlich seinen Sohn Robert dringend anwies, den Vater täglich spazieren zu führen. Robert Riemann erinnert sich an diese Spaziergänge und berichtet, sein Vater habe dabei stets von all seinen Unternehmungen erzählt. Freilich verstand der Sohn nichts davon, aber mit der Zeit beherrschte er so viele Fachausdrücke, daß er ein - wenn auch nur scheinbares - musikalisches Gelehrtengespräch zu führen imstande war. Zu den Themen, die Hugo Riemann immer wieder ansprach, zählte das Verhältnis von Mathematik und Musik, die ihm innerlich verwandt erschienen: ›Zahlenverhältnisse spielten in beiden die Hauptrolle, ebenso aber auch Aufbauten, architektonische Gebilde, die sich in der Musik aus Klängen bildeten.‹

Die nicht enden wollenden publizistischen Anforderungen zehrten stark an Riemanns physischer und psychischer Gesundheit. So geschah es, daß er einmal auf der Straße einen Kollegen mit falschem Namen ansprach und nach dessen höflicher Korrektur behauptete, er habe trotzdem recht. Schon bei kleinen Reisen mußte seine Frau Elisabeth dafür sorgen, daß er wirklich am Ziel ankam, und als der 50jährige Gelehrte zur Verleihung der Ehrendoktorwürde 1899 nach Edinburgh fahren mußte, geleitete man ihn bis Hoek van Holland, um ihn auf der anderen Seite des Kanals sofort wieder in Empfang zu nehmen.

Jahre später, noch vor dem zweiten Schlaganfall, legte Elisabeth Riemann ihre große Sorge in einem eindrucksvollen Schreiben an Riemanns Schüler Wilibald Gurlitt dar. Ihr Mann sollte 1912 einen Termin in Dresden wahrnehmen, aber, so schreibt sie, ›allein lassen wir ihn nicht gerne fahren. [...] Darf ich sie bitten für ihn beim Ab und Aufsteigen Sorge zu tragen, er ist ein wenig steif u. tritt leicht neben her. Ist der Weg weit bis zum Ministerium, muß er fahren.‹ Auf der Rückreise sollte Gurlitt dann darauf achten, ›daß er heiße Bouillon trinkt u. etwas ißt.‹

Riemanns häusliche Aktivitäten fanden fast ausschließlich am Schreibtisch statt, den die Kinder treffend als ›Papas Altar‹ bezeichneten. Selbst als es einmal im Badezimmer brannte, war die gesamte Familie darauf bedacht, den Gelehrten nicht zu stören: ›In der Badestube brennt es. Die Leiter ist auf die Petroleumlampe gefallen. Wir müssen ganz leise löschen, damit der Vater nichts merkt‹, ordnete seine Frau an. Hugo Riemann unterbrach seine Studien nur am Weihnachtsabend für zwei Stunden und spielte für die Familie Weihnachtslieder.

Wenn er am Schreibtisch saß, benötigte er nur Zigarren oder seine Pfeife, die er ausschließlich mit Tabak von Hermannus Oldenkott zu füllen pflegte. Weiße Bohnen mit Speck und Erbsen mit Pökelfleisch waren seine Lieblingsgerichte, die er im Falle einer Magenverstimmung mit einem Glas ihm durchaus wohlschmeckenden Rizinusöls in Bewegung zu bringen versuchte. Und selbst wenn er sich einmal einige Gläser Bier oder Wein genehmigt hatte, blieb der Schreibtisch das Zentrum seiner Welt. Dort nahm er nachmittags den Kaffee und ›schloß an jeden Schluck einen Satz im Manuskript an‹. Zu seinem Wahlspruch wählte er ›amor constans vincit‹. Ihn schrieb er schon während der Gymnasialzeit in seine Exemplare der Klassiker, und später zitierte er ihn immer gerne dann, ›wenn er eine schwierige Sache in Angriff‹ zu nehmen hatte. Auf seinem Grabstein wurde das Motto schließlich verewigt.


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