Leseprobe

Eine klingende Dokumentation

Neuerscheinung

10 Jahre FORUM ALTE MUSIK

144 S. (inkl. 2 CDs), 15 EUR, ISBN 978-3-9810364-1-1;
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Von Schein und Sein der Alten Musik in Köln


Von Johannes Jansen

In Michael Endes bekanntem Kinderbuch ›Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer‹ begegnen wir einem freundlichen älteren Herrn namens Tur Tur. Er besitzt die sonderbare Eigenschaft, dass er desto größer wirkt, je weiter man sich von ihm entfernt: ein Scheinriese. Auch wenn es sich normalerweise andersherum verhält, reicht doch unsere Vorstellungskraft - und die der Kinder sowieso -, die Gesetze der Perspektive einfach auf den Kopf zu stellen. Aber nicht nur das Auge lässt sich täuschen, auch andere Sinnesorgane sind vor Fehlwahrnehmungen nicht gefeit, gleich ob sie nun auf bloßer Einbildung oder bewusster Manipulation beruhen. Die ›gefühlte‹ Temperatur ist so eine Sache, auch das Zeitempfinden: Ob eine Stunde wie im Fluge oder stockend wie in der Warteschlange beim Check-in vergeht, ist gänzlich unabhängig davon, was die Uhr anzeigt. Alfred Kerr hat das Phänomen einmal so beschrieben: ›Die Vorstellung begann um acht; als ich nach zwei Stunden auf die Uhr schaute, war es halb neun‹.

Herrn Tur Tur und ein garstiges Kritiker-Bonmot zu bemühen, um zum eigentlichen Thema dieser kleinen Festschrift vorzudringen, mag ein wenig ungalant erscheinen, gilt es doch, eine der erfreulichsten Einrichtungen des Kölner Konzertwesens zu würdigen: das Forum Alte Musik. Wenn jemandem dafür zu danken ist, dass Schein und Sein der Alten Musik in dieser Stadt nicht allzuweit auseinanderklaffen, dann sind es die beteiligten Künstler, Initiatoren und Programmgestalter, nicht zuletzt auch die Verantwortlichen für die mediale Verbreitung dessen, was an ›Historischem‹ in den vergangenen zehn Jahren auf der Bühne des Deutschlandfunks geleistet wurde. Und doch spiegelt sich in der Existenz des Forums und seiner durch das Radio gesteigerten Präsenz in der Musiklandschaft auch eine gewisse Inkongruenz von tatsächlicher und ›gefühlter‹ Größe wider, die den Tur-Tur-Vergleich rechtfertigt.

Dass Köln eine Vorrangstellung auf dem Gebiet der Alten Musik beanspruchen kann, hat mit jenen Ensembles in der Nachfolge der Cappella Coloniensis zu tun, die den Namen der Stadt zu einem Qualitätsbegriff geformt und in die Welt hinausgetragen haben. Als freilich James R. Oestreich 1996 in der New York Times von Köln als ›center of the movement‹ sprach, war - gemessen an der Zahl der Ensemble-Neugründungen mit dem Namensbestandteil ›Köln‹ - der Zenit schon überschritten. Dass auch die Bedeutung als Produktionsstandort im Schwinden begriffen war, zeigte der hoch subventionierte, aber letztlich gescheiterte Versuch, eine Branchenmesse am Rhein zu etablieren (›Klassik-Komm‹). Zwar war die Alte-Musik-Szene von künstlerischer Stagnation noch weit entfernt, aber erste Abnutzungserscheinungen ließen sich kaum verleugnen. Betroffen war nicht nur die Cappella, die einen längst überfälligen Generationswechsel zu bewältigen hatte, sondern auch Musica Antiqua Köln in einem für Außenstehende durchaus spannenden, für die Hauptbeteiligten aber äußerst schmerzhaften Prozess permanenter Selbsterneuerung. Auch Concerto Köln steuerte auf eine Zerreißprobe zu, wie sie bei Kollektiven dieser Größe wohl unvermeidlich ist, wenn persönliche und Gruppeninteressen auseinanderdriften. Die beiden führenden Alte-Musik-Ensembles waren zeitweise so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihr künstlerisches Profil - Oestreich nannte es den ›Cologne touch‹ - und der hart erarbeitete Vorsprung gegenüber der Konkurrenz aus anderen Regionen Deutschlands verlorenzugehen drohte.

Im Zeichen der Klassik-Krise endete für Concerto Köln und viele andere - unter ihnen ›Exklusivkünstler auf Lebenszeit‹ wie Nikolaus Harnoncourt - die lange und ertragreiche Zusammenarbeit mit einem der einstmals führenden deutschen Schallplattenunternehmen. Auch dieser Umstand trug gewiss dazu bei, dass der Druck auf das Ensemble zunahm und sich im Jahr 2005 seine und die Wege seines Gründers Werner Ehrhardt trennten. Als Reinhard Goebel im darauffolgenden Jahr mit den Worten ›Ich habe fertig!‹ das Ende von Musica Antiqua Köln verkündete, wurde offenbar, wie sehr er sich - neben anderen mit ausschlaggebenden Motiven - von seiner Plattenfirma im Stich gelassen fühlte. Den heftigsten Missklang und Beinahe-Tod eines Ensembles provozierte freilich nicht die Industrie, sondern der Westdeutsche Rundfunk, als er sich 2004 entgegen früheren Beteuerungen von der Cappella Coloniensis trennte und damit selbst einer einzigartigen Tradition beraubte.

Das barocke WDR-Hausorchester war das Fundament, auf das sich Kölns Ruf als Alte-Musik-Metropole bis heute gründet. Welche Impulse weit über die Grenzen der Stadt hinaus von ihm ausgegangen sind, ist in der Dokumentation ›50 Jahre Alte Musik im WDR‹ nachzulesen. Für Jahrzehnte war die Cappella mit ihren ›Nebenbetrieben‹ Collegium Musicum und dem auf kommerzieller Basis arbeitenden Collegium Aureum so etwas wie der vom rauen Wind des freien Marktes geschützte Hafen, in dem sich zahllose Talente entfalten konnten. Wie Goebel und Ehrhardt, die dann eigene Ensembles ins Leben riefen, ging das Gros der Kölner Barockspezialisten der mittleren Generation direkt oder indirekt aus dieser Lehrwerkstatt hervor. Damit hat die Cappella eine Funktion erfüllt, die von der Staatlichen Musikhochschule aus heute schwer nachvollziehbaren Gründen nur höchst unvollständig wahrgenommen wurde. Immerhin gab es die Möglichkeit, bei einem Professor wie Franzjosef Maier, dem Konzertmeister des Collegium Aureum, hineinzuschnuppern in die Welt barocker Instrumente, ihrer Spielweise und Ornamentik. Eine Art Geheiminstanz der vielfach beargwöhnten ›Originalklangbewegung‹ war auch Hugo Ruf, der die Hauptfachklasse Cembalo leitete. Ihnen zur Seite standen mit dem Flötisten Günther Höller und dem Lautenisten Michael Schäffer zwei ehemalige Lehrer des städtischen Konservatoriums (Rheinische Musikschule), die - wie später auch der Gambist Heiner Spicker - als Professoren an die Hochschule gewechselt waren. Der nachmalige WDR-Musikchef Alfred Krings hatte ebenfalls zum Team Alte-Musik-erfahrener Dozenten an der ›Rheinischen‹ gehört, die als einziges Konservatorium des Landes bei der Neuordnung im Jahr 1972 nicht in eine Fachhochschule umgewandelt wurde. Nicht lange nach der politischen Weichenstellung zugunsten der Musikhochschule stellte die Stadt Köln ihre Unterstützung der Kurse für Alte Musik ein, die man an der Rheinischen Musikschule nach dem Vorbild der von Karlheinz Stockhausen geleiteten Kurse für Neue Musik schon Mitte der sechziger Jahre eingerichtet hatte - mit Gastdozenten vom Range eines Alfred Deller und Gustav Leonhardt.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Bildungspolitik in den siebziger Jahren, dass man, nachdem der Schritt zur Gründung eines Instituts für Alte Musik an der Rheinischen Musikschule bereits vollzogen war, die Chance ungenutzt verstreichen ließ, das dort Begonnene in Form eines geregelten Studienganges fortzuführen und institutionell abzusichern. Wen es dennoch verlockte, in Köln zu studieren, angezogen von Lehrerpersönlichkeiten wie Maier, Schäffer oder Ruf, musste die Erfahrung machen, dass man der historischen Aufführungspraxis und ihren ›Schlappseilartisten‹ im Umfeld der Hochschule eher gleichgültig, wenn nicht ablehnend gegenüberstand. Er habe um jede Unterrichtsstunde kämpfen müssen, erinnert sich Reinhard Goebel, und nicht ohne Verbitterung hat er in späteren Jahren registriert, dass man ihm, der wie kein zweiter der Alten Musik ›Made in Cologne‹ den Charakter eines Gütezeichens aufzuprägen half, niemals eine Professur angetragen hat.

Unterdessen nutzten andere Hochschulen die Chance, mit maßgeblicher Beteiligung von in Köln ausgebildeten oder hier beheimateten Künstlern wie Michael Schneider (Frankfurt/M.), Bernhard Klapprott (Weimar) und Anton Steck (Trossingen) ihr Profil durch reguläre Alte-Musik-Lehrangebote zu schärfen und sich im globalen Bildungsmarkt strategisch klug zu positionieren. Vierzig Jahre nach den hoffnungsvollen Anfängen an der Rheinischen Musikschule ist es dank der beharrlichen Aufbauarbeit des Hugo-Ruf-Schülers Gerald Hambitzer nun auch an der Hochschule soweit. Anschluss zu finden an Ausbildungsstätten wie die Schola Cantorum Basiliensis, die Konservatorien von Den Haag und Amsterdam oder das Londoner Royal College of Music, ist es freilich noch ein weiter Weg.

Es bedarf keiner lokalpatriotisch gefärbten Brille oder perspektivischen Verzerrung, um in Köln eine Alte-Musik-Stadt von internationalem Rang zu erkennen, doch sollte man auch nicht über jene Standortfaktoren hinwegsehen, die einer kontinuierlichen Freisetzung des vorhandenen Potenzials entgegenwirken. Zum Beispiel gibt es, obwohl Jahr für Jahr neue Mehrzweck-Veranstaltungsräume entstehen, kaum geeignete Säle, die sich für Konzerte mit Alter Musik anbieten würden. Speziell für Barockmusik in kleiner und mittlerer Besetzung eignen sich auch die romanischen Kirchen nicht - noch weniger allerdings die Philharmonie -, und so wächst mit jedem Konzertbesuch die Sehnsucht nach einem Kammermusiksaal als ›bessere‹, vor allem auch besser erreichbare Alternative zum akustisch einladenden, aber weit vom Stadtzentrum gelegenen Sendesaal des Deutschlandfunks - auch wenn niemand mehr recht glauben mag, dass er je gebaut wird.

Wer sich an die stets im Sande verlaufenden Planungen für diesen Saal erinnert, an den kaum gebremsten Ansehensverlust der städtischen Bühnen und die ins Possenhafte umgeschlagene Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas (›Wir leben das‹), wird die Größe der Musikstadt Köln vielleicht geringer einschätzen, als sie tatsächlich ist. Es wäre eine arg beschränkte Sicht, gerichtet nur auf Ereignisse oberhalb der Wahrnehmungsschwelle derer, die Kultur-Schlagzeilen produzieren. Aber es geht ums Ganze und damit nicht zuletzt um das vitalste Element des städtischen Musiklebens: die freie Szene. Hier könnten jene Wunder der Selbstertüchtigung geschehen, die von den großen Kultureinrichtungen schwerlich zu erwarten sind. Voraussetzung dafür wäre nicht einmal der Neubau eines Kammermusiksaals, denn in ihrem Talent zur Dauerimprovisation und der Fähigkeit, sich in schwierigen Verhältnissen einzurichten, sind ›Freie‹ kaum zu übertreffen. Was sie aber brauchen, ist öffentliche Anerkennung und die begründete Zuversicht, dass die Stadt, in der sie sich engagieren, sich auch für sie engagiert.

Für die Alte Musik in Köln wäre der nachhaltigste Anreiz wahrscheinlich ein Festival, das, wie es das Forum seit zehn Jahren erfolgreich praktiziert, ortsansässigen Ensembles, aber auch internationalen Gästen eine Plattform bietet, die dem Anspruch einer Alte-Musik-Metropole wirklich gerecht wird. An Initiativen in dieser Richtung hat es nicht gefehlt, wohl aber am langen Atem, wie die Kölner Festtage Alte Musik (1992-1998), das Monteverdi-Fest (1993) und die Feste Musicali (2003-2006) zeigen. Mit Musica Fiata Köln, Concerto Köln, Camerata Köln und Cantus Cölln - die Aufzählung ließe sich fortsetzen - stünden Ensembles von internationalem Format bereit, ein solches Festival mitzutragen. Als wirkungsvolle Ergänzung könnte man sich einen hochkarätigen Wettbewerb um einen ›Köln-Preis‹ der Alten Musik vorstellen. Es wäre nicht nur eine Chance, den Ruf des einstigen ›center of the movement‹ neu zu begründen, sondern sich bei den Genannten und vielen anderen, die hier eine künstlerische Heimat haben oder noch zu finden hoffen, für den durch sie erzielten Prestigegewinn zu revanchieren, damit nicht der fatale Eindruck entsteht, die Kulturverantwortlichen handelten nach der Devise: Wozu bezahlen, wenn man es auch umsonst bekommen kann?


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